Brief an einen unbekannten Freund

Brief an einen unbekannten Freund

Ein sehr schönes Jugendbuch ist „Das ist also mein Leben“ von Stephen Chbosky, im Original „The Perks of Being a Wallflower“, verfilmt als „Vielleicht lieber morgen“. Charlie schreibt darin einem ihm unbekanntem Freund Briefe, in denen er seine Erlebnisse in der Vergangenheit und an der Highschool verarbeitet. Das hier ist ein Versuch, etwas ähnliches zu probieren. Wieder mal eine bunte Mischung aus Fiction und ein paar eigenen Gedanken. Frei nach dem Motto:

„Und in diesem Augenblick, ich schwöre es, sind wir unendlich.“

Lieber Freund,

ich schreibe dir, weil ich denke, dass es das Richtige ist, dass es mir gut tut. Und, dass es dir hilft, mich irgendwann besser zu verstehen. Ich werde dir heute nicht sagen, wer dir diesen Brief geschrieben hat, denn dann wüsstest du, wer ich bin. Und das könnte unser Verhältnis belasten oder dich dazu bringen, mich anders zu sehen, als ich eigentlich bin. Und das möchte ich nicht.

Zuallererst möchte ich dir sagen, dass du mir wichtig bist. Ich genieße die Zeit mit dir und freue mich auf mehr davon. Denn unsere Freundschaft ist etwas schönes, etwas das du hoffentlich genauso siehst. Und unsere Freundschaft ist etwas, das ich mit allen Mitteln verteidigen werde. Gegen alles und jeden, der das gefährden könnte. Die große Entfernung, die uns manchmal trennte oder mal wieder trennen wird. Ozeane, Drachen, Ufos, Einhörner, einfach gegen jeden, auch gegen mich.

Und das klingt jetzt vielleicht seltsam. Denn wieso sollte ich unsere Freundschaft vor mir selbst schützen müssen? Das ist alles vielleicht nicht ganz einfach. Ich fange am besten am Anfang an. Seit wir uns besser kennen, haben wir einiges unternommen, als Freunde, nicht mehr und nicht weniger. Doch dann konnte ich mir eingestehen, dass ich anders war und weil du das auch bist, war alles so wie bisher. Und irgendwie war es doch etwas anders, ich sah pötzlich etwas mehr in dir, ob ich wollte oder nicht. Ich war mir sicher, dass das niemand merken würde, aber selbst du hast das wohl mitbekommen. Und trotzdem hast du mit mir weiter viel Zeit verbracht, dir nichts anmerken lassen. Und da ich das weiß, weiß ich auch, dass du nicht mehr in mir siehst. Und das ist eigentlich in Ordnung, denn das etwas Mehr war irgendwann wieder weg.

Zwischenzeitlich habe ich jetzt auch ein paar Reisen hinter mir, Abstand gewonnen und auch du warst einige Zeit in anderen Ländern unterwegs. Wir haben uns nur selten gesehen und ich habe ein paar neue Menschen kennen gelernt. Der Richtige ist wohl immer noch nicht dabei, aber das wird die Zeit zeigen. Bei den wenigen Treffen in dieser Zeit hast du mir außerdem ein paar mal gezeigt, dass du es meisterhaft beherrschst, mich in den Wahnsinn oder zur Weißglut zu treiben. Aber das muss eine Freundschaft auch überstehen können. Ich glaube auch, dass eventuelle Würgemale an deinem Hals nicht soo lange geblieben wären. Und dann war sowieso alles wie immer, wie in der Zeit am Anfang, vor all den Reisen durch die Welt. Und auf eimal saßen wir wieder zusammen und ich war mir nicht sicher,  ob ich dich lieber erwürgen möchte oder dich nie wieder loslassen will. Einfach großartig, diese Wahl zwischen Mord und Freiheitsberaubung, nicht wahr? Aber keine Angst, das geht mir nur ganz selten so und ich hab das unter Kontrolle, ich werde unsere Freundschaft schon nicht aufs Spiel setzen. Ich kann mit dem Status Quo leben, denn der ist meist ganz ok und alles andere wäre eh nicht klug. Ich werde weiter auf die Reise gehen, neue Menschen kennen lernen, auch da den Status Quo aufrecht erhalten und vielleicht auch mal irgendwann etwas anderes. Und auch dann wist du weiterhin wichtig für mich sein, denn einen Freund wie dich findet man zum Glück nicht überall.

Hab dich lieb.

Dein J.

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