Königskind

Königskind

Meine erste längere Geschichte. Wenn man eine Geschichte schreibt, schreibt man auch zum Teil seine eigene. Wie viel davon meine Geschichte ist, müsst ihr selbst rausfinden. Ich hoffe, es gefällt euch ein bisschen. Ich bin dankbar für ehrliches Feedback. Entweder hier, auf Twitter, persönlich oder auch über Tellonym. Danke an Miterion und Bambi, die schon beim Schreiben auf das Ende warten mussten.

Die Legende

Jeder kannte die Legende vom verschwundenen Königskind. Sie war in jedem der sechs Reiche des Kontinents bekannt. Die Fischer des Küstenreichs Azul kannten sie genauso wie die Nomaden der Wüste in Gul und der Steppe von Narengi. Die Bauern auf den blühenden Feldern von Mor sangen davon, während die Jäger in den Wäldern von Uaine die Geschichten am Lagerfeuer weitergaben. Und auch in Ahmar, dem Reich der Feuerinseln kannte jedes Kind die Erzählungen, wie vor einigen Jahren das Kind des Königs verschwand und seitdem nicht wieder gesehen wurde. Der König ließ verzweifelt in allen sechs Reichen nach seinem Kind suchen, doch war die Suche vergeblich. Nur immer verwegenere Gerüchte kehrten zurück in den Palast, von Dieben, Hexen, sogar von Drachen, die für das Verschwinden des Kindes verantwortlich sein sollten. Auf jeden, der das Kind zurückbringen sollte, wartete eine sagenhafte Belohnung. Doch niemand hatte Erfolg.

Jonathan

All diese Geschichten kannte auch Jonathan. Zwanzig Jahre waren seitdem vergangen. Er konnte sich gut daran erinnern, wie er als kleiner Junge gebannt den Geschichten von Hexen, Drachen und Rittern gelauscht hatte und sich vorstellte, wie er als großer, tapferer Held das Kind des Königs wieder zurückbrachte. Doch im Laufe der Jahre hatte er einsehen müssen, dass er niemals ein großer, tapferer Held sein würde. Er war zwar groß, aber eher pummelig und tapfer war er ganz sicher überhaupt nicht. Er war ein eher schüchterner junger Mann, jemand, der nicht viele Freunde hatte. Jonathan lebte an der Grenze von Mor und Azul und fühlte sich keinem der beiden Länder wirklich zugehörig. Er fühlte sich anders als die übrigen in seinem Dorf, was sein fehlendes Selbstvertrauen noch weiter belastete. Doch warum das so war, konnte er sich nicht erklären. Er hatte ein Talent dafür, alles fallenzulassen, was in seine Reichweite kam, sodass ihm die anderen im Dorf lieber nichts mehr anvertrauen wollten. Und so blieb Jonathan meistens für sich und hing seinen Gedanken nach.

Das Fest

Das Fest der Sonne war nun nur noch wenige Tage entfernt. Für die Menschen aller Länder bedeutete das, die Dörfer und Städte herauszuputzen und zu schmücken. Auch in dem Dorf von Jonathan herrschte geschäftiges Treiben. Jeder wollte, dass sein Haus an diesem wichtigen Tag im Jahr ordentlich und bunt geschmückt war. Das Fest der Sonne war der Tag, an dem die Menschen die Kraft der Sonne feierten, die alles Leben auf der Erde möglich machte. Es war zugleich der längste Tag des Jahres. In jedem Dorf gab es eigene Bräuche, die das Fest zu etwas ganz besonderem werden ließen. In Jonathans Dorf ließen die Dorfbewohner seit Menschengedenken leuchtende Himmelslaternen steigen, die, immer höher und höher steigend, die Dunkelheit vertreiben sollten. Jonathan war von diesem Anblick immer gerührt, was er aber niemals anderen gegenüber zugeben würde. Sie hielten ihn hier sowieso schon für einen seltsamen Einzelgänger. Jonathan bemühte sich nach Kräften, die anderen Dorfbewohner zu unterstützen. Allerdings wurden ihm nur Aufgaben übertragen, die sonst niemand machen wollte, und bei denen er möglichst wenig Schaden anrichten konnte. All das frustrierte ihn und er wünschte sich manchmal insgeheim, dass er nicht so anders wäre.

Am Morgen des Fests der Sonne war das ganze Dorf auf den Beinen und unternahm die letzten Vorbereitungen. Jonathan freute sich schon sehr auf den Abend und verbrachte den Tag damit, ziellos durch das Dorf zu schlendern. Die Stunden vergingen und der Beginn des Festes rückte näher. Die Feierlichkeiten am Dorfplatz begannen und alle Bewohner des Dorfes kamen nach und nach aus ihren Häusern. Die Kinder rannten ausgelassen über den Platz, während die Erwachsenen beieinander standen, plauderten, lachten und tanzten. Nur Jonathan stand etwas abseits und schaute dem Trubel voll freudiger Erwartung zu. So war auch er der erste, der die Ankunft der Unbekannten bemerkte. Eine alte Frau, deren Hautfarbe dunkler war, als es in den Ländern von Mor und Azul üblich war. Sie trug einen schlichten Umhang voll unbekannter Symbole, die teilweise verblichen war. Sie war klein und dürr und doch strahlte ihr Blick eine Stärke aus, die Jonathan bei einer so zierlichen Alten nicht erwartet hätte. Sie sah ihn an und lächelte ihm zu. Jonathan fühlte sich etwas unwohl, lächelte aber höflich zurück. Nun hatten auch andere die Unbekannte bemerkt und betrachteten sie argwöhnisch. „Was will diese Frau hier?“, tuschelte die Bäckersfrau, die in der Nähe Jonathan stand. „Will sich wohl auf unsere Kosten den Bauch vollschlagen“, antwortete ihr die Frau des Schmieds. Jonathan fand das unfair. Niemand kannte diese Alte und doch glaubten die Frauen, dass sie nichts Gutes im Schilde führte. Nun blickte auch der Dorfvorsteher in ihre Richtung, als er von einem der anderen Männer auf sie hingewiesen wurde. Er trat nun auf die Alte zu und begrüßte sie: „Willkommen Reisende in unserem bescheidenen Dorf. Wer bist du und was führt dich zu uns an diesem Festtag?“

Reia

„Ich bin Reia. Ich bin nur eine alte Frau auf Wanderschaft. Ich hoffe, dass ich diesen Abend bei euch verbringen kann, bevor ich morgen weiterziehen werde. Ich würde auch gerne zu eurem Fest mit einer besonderen Geschichte beitragen“, sprach die Alte. „Nun, dann heißen wir dich herzlich zu unserem Fest willkommen und freuen uns auf deine Geschichte“, antwortete der Dorfvorsteher freundlich und ignorierte dabei den  Blick der beiden Frauen, die Jonathan hatte tuscheln hören. Reia bedankte sich bei ihm und gesellte sich zu den Dorfbewohnern. Sie blieb für einige Zeit bei einer Gruppe von Männern stehen und wanderte dann von Gruppe zu Gruppe. Für jeden hatte sie ein paar freundliche Worte und hörte einige Zeit zu, bevor sie schlussendlich auf Jonathan zukam: „Hallo, du musst Jonathan sein. Ich freue mich, dich kennen zu lernen. Wie du sicher mitbekommen hast, heiße ich Reia“. Jonathan war erstaunt, dass sie seinen Namen kannte, aber er riss sich zusammen und begrüßte sie ebenfalls: „Hallo Reia, es ist mir ebenfalls eine Freude, euch kennen zu lernen. Woher wisst ihr, wer ich bin?“ Reia schmunzelte: „Nun, ich habe ein gewisses Talent dazu. Gerade bei jemandem Besonderen wie dich. Nun, es wird Zeit, dass ich meine Geschichte vortrage. Bitte setz dich doch dazu.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging zurück in die Mitte des Dorfplatzes, wo einige Bänke aufgestellt waren, und ließ Jonathan etwas verdattert zurück.

Die Geschichtenerzählerin

„Ich bin die alte Reia, die Wanderin, und ich werde euch nun wie versprochen eine besondere Geschichte erzählen.“ Das ganze Dorf hatte gespannt Platz genommen und auch Jonathan hatte sich dazu gesetzt, als die Alte mit ihrer Geschichte begann. „Ich bin schon viele, viele Jahre auf Wanderschaft und habe die seltsamsten Dinge gesehen und gehört. Und von einigen werde ich euch nun erzählen. Ich beginne mit einer Geschichte über Vorurteile, über Anderssein. Denn das wird uns helfen, auch die nächste Geschichte besser zu verstehen. Es war einmal eine alte Frau, die nirgendwo zuhause war. Sie reiste durch die sechs Länder des Kontinents, segelte über die Grenzen hinaus und reiste auch durch die Länder jenseits eurer Vorstellungskraft. Doch überall, wo sie ankam, war sie eines: Sie war fremd. Sie sah nicht aus, wie die Einheimischen, hatte dunklere oder hatte hellere Haut. Und überall, wohin sie ging, bat sie darum, eine Nacht bleiben zu dürfen, eine Geschichte als Bezahlung. Viele der Dörfer hießen sie willkommen, voller Neugier auf das Neue, Besondere, Fremde. Und die alte Frau teilte mit Freude ihr Wissen über die Welt. Und so waren diese Dörfer danach ein Ort, an dem noch mehr Freude herrschte. Doch in einigen Dörfern war sie nicht willkommen, wurde verjagt, wurde weggeschickt, einzig deshalb, weil sie anders war. Die alte Frau war nicht nachtragend, aber trotz alldem bekümmerte sie, wie kalt diese Menschen waren. Denn sie wusste, dass die Menschen dort ihr eigenes Schicksal besiegelt hatten. Ohne Freude, Offenheit und Neugier hatten die Dörfer keine Zukunft. Und das ist meine erste Botschaft an euch: Bleibt offen, freundlich neugierig. Habt keine Angst vor dem Fremden. Es will euch nichts Böses. Ich weiß, einige von euch hatten Bedenken, eine Fremde hier zu begrüßen. Doch hoffe ich, dass ich euch gezeigt habe, dass das grundlos ist. Denn diese Geschichte ist meine Geschichte. Und die Geschichte all derer, die anders sind, anders fühlen, anders sein wollen. Fürchtet sie nicht, sondern schließt sie so in euer Herz, wie sie sind.“ Mit diesen Worten nahm sie den Becher, der vor ihr stand und trank einen großen Schluck. Dabei zwinkerte sie Jonathan zu, der am Rand einer der Bänke saß und leicht erschrak. Reia hatte nun schon mehrfach angedeutet, dass sie wusste, dass er anders war, dass er – besonders – war. Aber wie konnte er das sein, wenn er selbst nicht wusste, warum er sich so anders fühlte. Er blickte nun durch die versammelte Menge und sah, dass alle gespannt darauf warteten, dass Reia mit ihrer Geschichte fortfuhr. Auch die beiden Frauen, die Jonathan tuscheln gehört hatte, warteten voller Vorfreude. Und das entlockte ihm ein Lächeln.

Reia machte sich nun bereit, ihre Geschichte fortzusetzen: „Meine zweite Geschichte handelt von Drachen. Ihr kennt sicherlich alle Legenden über Drachen. Große fliegende Ungeheuer, geflügelte Schlangen, die Feuer und Gift speien, alles vernichten, was ihnen begegnet. Von ihnen will ich euch erzählen, denn die Legenden sind falsch.“ Durch die Menge ging ein ungläubiges Raunen, doch Reia ließ sich davon nicht ablenken. „Nun, zumindest sind sie nicht vollständig. Denn nicht alle Drachen sind Ungeheuer. Die wenigstens wissen, dass es zwei Arten von Drachen gibt. Die dunklen Drachen sind die, die ihr als Ungeheuer kennt. Und dann gibt es noch die weisen, hellen Drachen. Sie sind anders als ihre dunklen Geschwister, ganz anders. Sie sind mächtige Wesen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, andere zu schützen, sie zu unterstützen, sie zu lehren. Aber diese Drachen sind selten. Sie werden uralt und erscheinen nur, wenn sie jemanden als würdig erachten, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Und sie können ihre Gestalt verändern, weshalb fast niemand je einen hellen Drachen in seiner wahren Gestalt gesehen hat. Die Gabe der Drachen ist ein Geschenk, das nur wenigen zuteilwird. Ihr kennt nun die Legende der hellen Drachen und nun will ich euch erzählen, wieso. Denn ihr alle kennt die Legende des verschwundenen Königskindes, die Gerüchte, die erzählt werden. Ein Gerücht besagt, dass ein Drache das Kind gestohlen hat. Nun, es war ein Drache, allerdings kein dunkler Drache.“ Angesichts dieser Behauptung kam Unruhe in die Menge. „Es gibt keine Drachen! Und warum sollte ausgerechnet einer deiner wunderbaren, hellen Drachen dafür verantwortlich sein?“, rief einer der Männer aus der Menge. Andere nickten zustimmend. „Nun, lasst mich meine Geschichte zu Ende erzählen. Und von einer Prophezeiung berichten. Diese Prophezeiung ist sonst nur noch den Drachen bekannt und einigen wenigen weisen Menschen:

Es wird einst die Zeit gekommen sein, dass die sechs Reiche untergehen, Reich für Reich, auf immer und ewig, und die Dunkelheit wird siegen. Einzig zwei Kindern ist es möglich, uns alle zu schützen. Eines von königlichem Blut, eines nicht, beide besonders, beide von Drachen erwählt. Ihnen ist es aufgetragen, sich zu suchen, und das Wertvollste zu finden. Nur dann werden sie gemeinsam die Reiche retten, uns alle Retten.

Vor zwanzig Jahren erwählte ein Drache das Kind des Königs, nahm es mit sich, um es zu schützen, zu unterrichten und vorzubereiten auf die Suche nach dem Wertvollsten. Eine Suche, die nun beginnen muss, denn das Ende der Reiche ist sonst nicht mehr aufzuhalten. Und damit endet meine Geschichte. Und eine Neue beginnt. Lasst uns nun weiter feiern und tanzen, zur Ehre der Sonne, die alles Leben möglich macht.“ Mit diesen Worten erhob sich Reia und ging auf den Rand des Platzes zu. Die Menge war überrascht, dass die Geschichte so plötzlich endete und so erging es auch Jonathan.

Das zweite Kind

Das Fest erreichte langsam seinen Höhepunkt. Die Dorfbewohner feierten immer ausgelassener und der Augenblick, an dem die Himmelslaternen auf ihre Reise geschickt werden sollten, war nicht mehr weit entfernt. Jonathan stand wieder etwas abseits und dachte über all das nach, was Reia heute ihm und dem Dorf gesagt hatte. „Hallo Jonathan“, sagte Reia, die plötzlich neben ihm stand. „Müsst ihr mich immer so zu Tode erschrecken?“, antwortete Jonathan erschrocken. „Das war nicht meine Absicht. Wie ich sehe, beschäftigt dich meine Geschichte noch immer. Oder ist es mehr als das? Unser letztes Gespräch? Hast du schon die Verbindung gezogen?“ Reias Antwort verwirrte Jonathan nur noch mehr: „Eine Verbindung? Ihr sagt, ich sei besonders. Ich denke, ich bin anders als die anderen, aber doch nicht besonders. Dann erzählt ihr von Fabelwesen, die ein Kind entführt haben und am Ende vom Untergang der sechs Reiche.“ „Du hast das zweite auserwählte Kind vergessen. Willst du seine Geschichte hören? Nun, du kennst sie bereits. Ein Junge, nun langsam ein Mann, von seinem Dorf und sich selbst nicht für voll genommen, anders als die übrigen, sich nirgendwo zugehörig fühlend. Von einem Drachen persönlich erwählt, zusammen mit dem Königskind die Welt zu retten. Es ist deine Geschichte. Und sie hat bereits begonnen“. Jonathans Blick wurde immer ungläubiger. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Die Alte konnte ihn nur auf den Arm nehmen. Daher setzte er zu einer Erwiderung an: „Das kann nicht stimmen. Es gibt keine Drachen. Ich wurde von niemandem erwählt. Ich bin kein Held und werde niemals einer sein. Ich hätte ja mitbekommen, wenn mich ein Drache erwählt hätte.“ „Ich habe dich erwählt. Und nun sieh genau hin“. Mit diesen Worten deutete Reia auf die Himmelslaternen der übrigen Dorfbewohner, die soeben entzündet wurden. Eine nach der anderen stieg langsam auf, immer mehr und mehr Laternen, die höher und höher stiegen, golden glänzend, hinein in die Dunkelheit. Und auch neben Jonathan musste Reia eine Laterne entzündet haben, denn ein goldener Glanz bereitete sich um ihn aus. Plötzlich bemerkte er erschrocken, dass es keine Laterne war, die da leuchtete. Es war Reia. Und irgendwie auch nicht. Denn sie sah nicht mehr aus wie die alte Frau, die in sein Dorf kam. Sie sah nicht mehr wirklich menschlich aus, sie verwandelte sich. Und nun war der Drache neben Jonathan das einzige, was er wahrnahm. „Begleitest du mich Jonathan? Hilfst du mir, die Welt zu retten?“ Reias Stimme tönte durch das ganze Dorf. „Denn das ist der Beginn deiner Geschichte.“ Jonathan war wie versteinert. Doch letztendlich gab er sich einen Ruck und nickte. Reia schien darauf gewartet zu haben, denn plötzlich war er von goldenem Glanz umgeben. Die Himmelslaternen über ihnen schienen wieder näher zu kommen. Und als er nach unten blickte, wusste er auch wieso. Das Dorf, in dem er eben noch gestanden hatte, war auf einmal unter ihm. Zusammen mit Reia stieg er höher und höher. Die Himmelslaternen tanzten nun um sie herum, ein Schauspiel, an dem Jonathan sich nicht sattsehen konnte. Und schon bald waren sie höher aufgestiegen als die Himmelslaternen. Das Dorf war nur noch als Feuerschein wahrzunehmen und gemeinsam verschwanden sie in der Nacht.

Der Auftrag

Jonathan erwachte umgeben von Blau. Er flog noch immer mit Reia durch die Lüfte, über ihm der blaue Himmel, unter ihm das Meer, das im Sonnenaufgang leicht rötlich schimmerte. Nicht mehr weit entfernt stiegen rote Berge aus dem Meer. Er war noch nie dort gewesen, aber das mussten die Feuerinseln sein. Er war die ganze Strecke von Mor nach Ahmar geflogen und hatte das meiste davon verschlafen. „Wir werden nun landen“, warnte Reia ihn vor und schon kamen die Berge immer näher und näher. Jonathan sah ein einsames Haus auf einem der Flanken des nächsten Berges stehen und im Nu spürte er wieder den Grund unter sich. Er drehte sich um und sah nun Reia wieder in ihrer menschlichen Gestalt. Er konnte nicht beschreiben, wie sie in ihrer Drachenform ausgesehen hatte. Einzig das Gefühl von alles umgebener Macht und Güte war zurückgeblieben. Er hatte in ihrer Gegenwart keine Angst mehr. „Willkommen auf den Feuerinseln und willkommen in meinem Zuhause“. Reia deutete auf das schlichte, massive Haus, das hier einsam stand. Es wirkte unglaublich alt. Jonathan hatte sich das Zuhause eines Drachen als Höhle vorgestellt, oder als verfallene Burg. Aber Reia war kein gewöhnlicher Drache. Wieder einmal waren seine Erwartungen durch die Erwartungen anderer geprägt gewesen und wieder hatten sie sich als falsch erwiesen. Jonathan betrachtete weiterhin das Haus, als sich die Tür öffnete und ein schlaksiger, junger Mann hindurch nach draußen trat. Er sah so aus, als wäre er etwa so alt wie Jonathan, sogar noch ein Stückchen größer, mit verwuschelten hellen Haaren. Und selbst auf diese Entfernung konnte Jonathan sehen, dass seine Augen von einem einzigartigen Blauton waren. Reia ging nun auf den jungen Mann zu: „Hallo Finn, ich bin wieder zurück. Darf ich dir Jonathan vorstellen? Jonathan, das ist Finn.“ Die beiden nickten sich zu und Finn lächelte. Jonathan fand ihn auf Anhieb sympathisch. „Nun Finn, Jonathan wurde auserwählt, genau wie du“, begann Reia. Jonathan erschrak. War Finn etwa das entführte Königskind? Er hatte damit gerechnet, dass das Königskind ein Mädchen sein würde. In allen Geschichten wurden immer die Prinzessinnen entführt. Aber doch nicht der Prinz. Der konnte doch selbst auf sich aufpassen und den Drachen erschlagen und am Ende bekam er die Prinzessin. Umso erstaunlicher war es, dass Finn sich nicht selbst befreit hatte. Aber auch je länger Jonathan nachdachte, sah Finn immer noch nicht wie ein Gefangener aus. Und auch nicht wie ein Prinz. „Lasst mir noch die Chance, alles zu erklären“, bat Reia. „Finn kam vor beinahe zwanzig Jahren in meine Obhut. Ich habe ihn seitdem wie einen Sohn aufgezogen, ihn vor der Dunkelheit beschützt und unterrichtet. Ja, Finn ist der Sohn des Königs, eines der Kinder der Prophezeiung. Und du Jonathan, bist das andere. Auserwählt von Drachen, um die Reiche zu beschützen und Frieden zu wahren. Denn ihr beiden seid etwas Besonderes. Auch wenn ihr das vielleicht noch nicht erkannt habt, habe ich es dennoch in euch gesehen. Eure Aufgabe ist es, gemeinsam das Wertvollste zu finden, den größten Schatz, den diese Reiche kennen“. „Reia, du hast mir in all den Jahren nie erzählt, was dieses Wertvollste ist, das wir suchen sollen. Kannst du uns denn nicht einen Hinweis geben, was genau wir suchen?“, ergriff Finn nun als erster das Wort, während Jonathan ergänzte: „Und was genau macht uns zu etwas Besonderem?“ „Ach Kinder, ich kann euch nicht mehr Hinweise dazu geben. Ihr werdet wissen, dass eure Suche erfolgreich war, sobald ihr es gefunden habt. Und auch Jonathans Frage werdet ihr im Laufe der Zeit selbst beantworten können. Den einzigen Hinweis, den ich euch noch geben kann, ist der folgende: Beginnt eure Suche in Uaine. Dort gibt es einen mystischen Wald, in dem einer anderen Legende zufolge das Wertvollste einst bewacht wurde. Denn auch wir Drachen wissen nicht, wo ihr das Wertvollste finden werdet. Aus diesem Grund möchte ich euch auch bitten, noch heute nach Uaine aufzubrechen. Der Weg ist weit und beschwerlich.“ Reia seufzte und ging langsam auf ihr Haus zu. „Ich kann euch auf dieser Reise nicht begleiten, denn ich bin müde von der Suche nach Jonathan. Es ist nun eure Aufgabe und eure Verantwortung, unsere Reiche zu beschützen. Lasst die Dunkelheit nicht gewinnen.“ Mit diesen Worten betrat sie ihr Haus und schloss die Tür hinter sich.

Der Beginn einer wundersamen Reise

Jonathan und Finn standen nun seit einiger Zeit zusammen und besprachen das eben Gehörte. Dabei regte sich Jonathan wieder und wieder über Reia auf: „Wieso tut sie das immer? Sie erzählt eine Geschichte, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, und dann verschwindet sie. Wie sollen wir ohne sie nach Uaine kommen? Das ist am anderen Ende des Kontinents. Wenn man davon absieht, dass wir noch auf einer der Feuerinseln sind und das Meer überqueren müssen, sind das mehrere Wochen Reise. Wie sollen wir da nur hinkommen?“ „Nun, ich denke, das ist Teil der Herausforderung. Wir werden uns Stück für Stück vorarbeiten müssen. Lass uns erst zum Hafen gehen und nach einem Schiff suchen, das uns zum Festland bringt.“ Finn war recht optimistisch, was vielleicht auch daran lag, dass er die letzten zwanzig Jahre mit Reia verbracht hatte. Jonathan war sich da nicht ganz so sicher, aber irgendwie vertraute er Finn. Er kannte ihn zwar noch keinen Tag lang, aber trotz allem mochte er ihn jetzt schon. Seine optimistische, freundliche und pragmatische Art machte ihn zu einem guten Begleiter für diese Reise. Und so war für Jonathan auch schnell wieder vergessen, dass Finn ein Prinz war.

Die beiden machten sich auf zum Hafen der Insel, in dem einige Schiffe vor Anker lagen. Sie fragten bei allen Schiffen, an denen sie vorbeikamen, wann und wohin diese auslaufen sollten. Schlussendlich fanden sie ein Schiff, das einen Hafen an der Grenze zwischen Mor und Gul anlaufen sollte. Damit würden sie die Reise durch Azul und Mor vermeiden können und ein paar Tage einsparen. Außerdem war eine Schiffsreise vermutlich bequemer als zu Fuß die Länder zu durchqueren. Während Finn mit dem Kapitän verhandelte, betrachtete Jonathan das stolze Segelschiff. Er war zwar in Azul aufgewachsen, aber so weit von einem großen Hafen entfernt, dass er die Schiffe bisher nicht aus nächster Nähe hatte betrachten können. Er sah fasziniert zu, wie die Seemännner in der Takelage herumkletterten und das Schiff fertig zum Auslaufen machten. Plötzlich stand Finn wieder neben ihm und schaute ebenfalls nach oben: „Der Kapitän hat zugestimmt, dass wir an Bord kommen dürfen. Ich habe ihm versprochen, dass wir uns etwas nützlich machen werden und bei Bedarf aushelfen. Wir laufen noch heute Richtung Gul aus.“ „Großartig. Das ging ja besser als erwartet“, antwortete Jonathan. Finn und er gingen daraufhin an Bord des Schiffes und suchten die Kajüte, die der Kapitän den beiden zur Verfügung stellen wollte. Nach kurzer Suche fanden sie den kleinen Raum, der quasi nur aus zwei schmalen Betten bestand. Sie legten die wenigen Habseligkeiten ab, die sie bei sich trugen, und gingen zurück an Deck, um die Abfahrt des Schiffes zu beobachten.

Die ersten Tage auf dem Schiff vergingen für Jonathan und Finn recht ereignislos. Sie halfen der Mannschaft auf dem Deck oder in der Kombüse, aber die meiste Zeit konnten die beiden einfach auf einer stillen Ecke an Deck sitzen, miteinander reden und in auf das Meer hinausblicken. So erfuhren sie immer mehr über den anderen und hatten genügend Zeit, über ihre weitere Reise zu diskutieren. Jonathan sah in Finn mittlerweile einen guten Freund, jemanden, den er in all den Jahren in seinem Dorf schmerzlich vermisst hatte. Und auch für Finn war die Zeit mit Jonathan etwas, das ihm Reia nicht hatte geben können. Die beiden blödelten auf dem Deck herum, als ob sie sich schon Jahre kennen würden, was umso erstaunlicher war, da sie sich noch keine Woche kannten.

„In drei Tagen erreichen wir den Hafen. Bis dahin können wir nicht viel tun, um die weitere Reise vorzubereiten. Lass uns also die Zeit genießen“, sagte Finn zu Jonathan. Doch in diesem Moment hörten sie plötzlich Rufe von der Crew. Sie sahen sich um und merkten, wie hektisch alle geworden waren. Am Horizont konnten sie den Grund dafür sehen. Eine Wand aus Dunkelheit bewegte sich schnell in Richtung des Schiffes. Das musste ein verdammt gewaltiger Sturm sein, der da auf sie zukam. Die Crew befestigte hektisch alle losen Gegenstände an Deck und der Kapitän rief Befehle an die Männer in der Takelage. „Ihr beiden geht am besten unter Deck, damit euch nichts passiert“, rief er Jonathan und Finn zu, worauf hin sich die beiden schnell in Richtung ihrer Kajüte aufmachten.

Die See wurde immer unruhiger und das Schiff schwankte immer mehr. Die beiden Jungen saßen auf ihren Betten und versuchten, das Unwetter zu ignorieren. Gewaltiger Donner schallte durch das ganze Schiff. „Jonathan, ich habe Angst“. „Du brauchst doch keine Angst zu haben. Wir sind hier in Sicherheit.“ „Jonathan, ich habe wirklich furchtbare Angst vor Gewittern.“ „Das brauchst du doch nicht. Ich bin bei dir. Warte, ich komm zu dir rüber“. Und mit diesen Worten verließ Jonathan sein eigenes Bett und setzte sich neben Finn und nahm ihn in den Arm. Für Jonathan fühlte sich das richtig und gut an und er hatte das Gefühl, dass er Finn nie wieder loslassen wollte. Finn schmiegte sich nun auch fester an Jonathan und entspannte sich. „Danke Jonathan, dass du für mich da bist. Das bedeutet mir viel. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sowas für mich getan hat. Weil ich ja ein Prinz bin und viele deshalb einfach abgeschreckt sind. Aber du hast mich einfach so akzeptiert, wie ich bin. Einfach nur Finn. Und weißt du was, ich finde es total schön mit dir. Ich…, finde dich total schön.“ Und damit war es raus und Jonathans Verwirrung wurde größer und größer, bis ihm ebenfalls einige Dinge klarwurden: „Ich habe mich noch nie so wohl mit jemandem gefühlt wie mit dir. Ich habe irgendwie das Bedürfnis, dich nie wieder loszulassen. Und das fühlt sich richtig an.“ Finn lächelte spitzbübisch, beugte sich vor und gab Jonathan einen kleinen Kuss. Dieser war leicht überrascht, war aber sichtlich zufrieden damit. Finn ergriff das Wort: „Was immer uns noch auf der Suche für Reia erwartet, wir werden es gemeinsam erleben und das Wertvollste finden, was immer das auch sein mag. Und dann retten wir die Reiche und wenn wir dann unsere Ruhe haben, hoffe ich, dass ich dich nie wieder loslassen muss. Denn ich denke, ich habe mich in dich verliebt.“ Und damit gab er Jonathan noch einen Kuss, den dieser nun erwiderte. Und plötzlich realisierten beide, dass das Schiff nicht mehr schwankte und der Sturm vorüber war. Sie ließen etwas wiederwillig voneinander ab, um gemeinsam an Deck zu gehen und die Schäden zu begutachten, die der Sturm vielleicht verursacht hatte.

An Deck war fast alles so, wie sie es verlassen hatten. Nur wenige Dinge waren über das Deck gerollt und das Schiff schien unbeschädigt. Und plötzlich stand Reia hinter ihnen an Deck und lächelte die beiden an: „Ihr habt das  Wertvollste also schon gefunden.“

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