729 Tage später

729 Tage später

Nun ist es quasi auf den Tag genau 2 Jahre her, dass ich zum ersten Mal einer anderen Person und endgültig wohl auch mir selbst eingestanden habe, dass ich wohl doch nicht so hetero bin, wie die meisten wohl angenommen haben. Der Weg dahin war ein langer Weg und sicherlich auch nicht immer einfach. Letztendlich kann man hinterher immer sagen, dass man es sich quasi schon früher hätte eingestehen können, denn hinterher kann man meist alles besser beurteilen. So aber hat es bei mir halt länger gedauert, bis die Erkenntnis und das Eingeständnis auch in meinem Bewusstsein ankamen. Die Monate vorher waren schwierig, ich selbst oft nicht gut drauf und viel am Nachdenken. Dazu kam die Tatsache, dass ich für mehrere Monate alleine im Ausland war und dadurch noch viel mehr Zeit zum Nachdenken hatte. Zurück aus dem Ausland dauerte es nur noch wenige Wochen, bis ich letztendlich so weit war, über meinen Schatten zu springen und mich einem Freund anzuvertrauen. Für einen Menschen, der quasi nie über seine Gefühlswelt und eigene Probleme mit anderen geredet hat, ist das schon ein gewaltiger, wenn auch recht befreiender Schritt.

Es ist alles nicht ganz einfach

Schublade: findet manchmal manche jungs ganz süß, die meisten aber nicht und mädchen so gut wie nie. Weiß aber nicht, ob er zu mehr in der Lage ist.

Klingt echt furchtbar

Damit war ein erster Schritt gemacht und die erste Reaktion darauf echt positiv und unterstützend. Und dafür kann ich nur unendlich dankbar sein.

In den Wochen darauf wuchs die Zahl der Eingeweihten langsam, wenn auch manchmal schneller und anders als erwartet. Nicht nur per Chat, sondern auch in persönlichen Gesprächen und auch durch den Besuch der queeren Jugendgruppe, für die ich damals gerade so noch nicht zu alt war. Und mit jedem weiteren Eingeweihten wurde alles ein bisschen leichter, aber jeder, der schon mal so ein Geheimnis mit sich rumgeschleppt hat weiß, dass es auf Dauer echt schwer ist, mit denen ehrlich zu reden, die noch nicht eingeweiht sind. Ich wollte nicht auf Dauer ständig Ausreden erfinden müssen, was ich denn so am Wochenende unternommen habe, weil ich nicht einfach sagen konnte, dass ich z.B. mit Freunden auf einem CSD war. Letztendlich fehlte mir noch ein vorerst letzter Schritt, um das Geheimnis weitgehend öffentlich machen zu können: Meine Eltern und meine Schwester.

Meine Schwester hüpfte an dem Abend meines Coming Outs fast vor Freude durch meine Wohnung, um sich gleich darauf zu beschweren, dass ich doch bitte mal mehr Klischees erfüllen möge, ich sei ein schlechter Shoppingberater. Am Abend darauf fuhr ich dann zu meinen Eltern, unterstützt durch Chatsupport durch Freunde und Schwester. Diesen Abend werde ich wohl nie vergessen, da ich so unglaublich nervös war wie noch nie in meinem Leben. Fazit: meine Eltern haben es super aufgenommen und ich war total erleichtert. Weitere Familienmitglieder habe ich allerdings bis heute nicht eingeweiht.

Nach dem Coming Out bei meinen Eltern beschloss, dass es mir ab sofort in meinen Freundeskreisen nicht mehr wichtig ist, dass mein Geheimnis ein solches bleibt. Nur wenige Tage später gabs dann für einige Menschen eine kleine Überraschung in Form eines Geschenks an mich, wenn auch trotz allem einige Anwesende Tage später noch von der „Neuigkeit“ überrascht wurden.

Vielleicht liegt es an meinen wunderbaren Freundeskreisen, dass ich bisher persönlich keine negativen Reaktionen auf mein Coming Out bekommen habe, vielleicht habe ich auch einfach tolle Eltern und vielleicht wissen die „falschen Menschen“ einfach noch nichts von mir. Aber ich bin ziemlich dankbar dafür, dass es bisher so gelaufen ist. Irgendwann werde ich sicherlich auch den Rest meiner Familie und auch Kollegen einweihen, allein um die Frage meiner Omas nicht mehr hören zu müssen, ob sie es denn noch erleben würden, dass ich mal ne Freundin vorstelle. So weit bin ich allerdings im Moment noch nicht.

Der Grund, warum ich jetzt nach zwei Jahren noch einmal diese Geschichte über mich aufgewärmt habe ist der folgende: Ich möchte allen Mut machen, die noch nicht geoutet sind, dass sie unter ihren Freunden viele Menschen finden werden, die immer für sie da sind, wenn sie jemanden zum Reden brauchen und die sie so akzeptieren und mögen wie sie sind. Es gibt außerdem kein zu alt um sich selbst zu finden und es mag vielleicht nicht immer danach aussehen, aber es wird meiner Meinung nach besser, wenn man andere ins Vertrauen zieht. Wie weit da ein*e jede*r gehen mag, sei ihm oder ihr überlassen, denn niemand sonst kann und darf das entscheiden.

Wie es in Zukunft weitergehen wird, weiß ich nicht. Was ich allerdings weiß, dass ich in den letzten zwei Jahren viele neue Freunde gefunden habe und auch alte Freundschaften weiter vertiefen konnte. Und das in Worte zu fassen, was mir das bedeutet, ist so schwierig und einfach zugleich. Denn ich machs kurz und sage einfach: Danke 🙂

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